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Botschafter Ernst Reichel im Interview mit der Griechenland Zeitung

Botschafter Dr. Ernst Reichel

Botschafter Dr. Ernst Reichel im Interview mit der Griechenland Zeitung, © www.griechenland.net

02.10.2019 - Interview

Im Interview mit der Griechenland Zeitung spricht Botschafter Dr. Ernst Reichel u. a. über die Überwindung der Wirtschaftskrise, das deutsch-griechische Verhältnis und darüber, dass Griechenland angesichts des Flüchtlingszustroms in der EU nicht allein gelassen wird.

GZ: Sie sind erst seit kurzer Zeit als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Athen akkreditiert. War das Ihr Traumposten?

REICHEL: Als ich gehört habe, dass der Botschafterposten in Griechenland frei wird, habe ich mich sofort dafür interessiert. Ich bin seither nicht enttäuscht worden, ganz im Gegenteil: Alle sind außerordentlich freundlich und zuvorkommend zu mir, es ist ein richtig schöner Anfang in diesem Land. Ich bin wirklich sehr zufrieden!

GZ: Der Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise gilt in einigen Bereichen bereits als überwunden. Wie schätzen Sie die Lage ein?

REICHEL: Die Griechenland-Krise dauert in verschiedenen Facetten schon lange an, und deswegen wäre ich mit dem Wort „überwunden“ vorsichtig. Aber ich glaube schon, dass die wirklich sehr harte Anpassungsphase, durch die Griechenland gehen musste, im Wesentlichen zu Ende geht. Es wird weiterhin nicht leicht sein für die Menschen hier, aber ich glaube, man kann sich schon auf eine allmähliche Verbesserung der Lage einstellen.

GZ: Die Finanz- und Wirtschaftskrise beeinflusste auch die bilateralen Beziehungen. Wie würden Sie das bilaterale Klima zum gegenwärtigen Zeitpunkt beschreiben?

REICHEL: Ich denke, dass wir jetzt ein neues Kapitel aufschlagen. Wir haben eine griechische Führung, die von einer guten Mehrheit gewählt worden ist, wir haben eine stabile Regierung, die sich zum Ziel gesetzt hat, all das, was früher als Zumutung westlicher Geldgeber diskreditiert wurde, jetzt aus eigener innerer Einsicht zu tun. Damit ist, nach einer Phase der Beruhigung, die bereits eingesetzt hat, auch der Weg frei für andere Themen: Man diskutiert nicht mehr nur über finanzielle Ziele, sondern man nimmt sich des Zieles des wirtschaftlichen Aufbaus Griechenlands an, man arbeitet daran, die Stimmung zwischen den beiden Ländern, das heißt auch durch viele Kontakte zwischen den Menschen, durch Kultur oder Bildung, auf eine nachhaltig positive Grundlage zu stellen.

GZ: Welche anderen Schwerpunktthemen stehen auf Ihrer Agenda, was die weitere Verbesserung des deutsch-griechischen Verhältnisses betrifft?

REICHEL: Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf wirtschaftlicher Entwicklung bzw. Wirtschaftswachstum. Ich glaube, Deutschland hat da besonders viel anzubieten – sei  es durch verstärkten Handel, sei es durch Auslandsinvestitionen. Auch Kultur ist für uns ein wichtiger Punkt oder auch Forschung und gemeinsame universitäre Traditionen, die über Jahrhunderte zurückreichen. Wir sind ein sehr gefragter Partner unter dieser Regierung und einen emotionalen oder ideologischen Vorbehalt habe ich nie bemerkt.

GZ: Griechenland ist 2020 Gastland bei der Internationalen Thessaloniki Messe. Wie steht es mit den Vorbereitungen?

REICHEL: Die deutsche Beteiligung an der Internationalen Messe in Thessaloniki wird ein Höhepunkt unserer Arbeit sein, um die deutsch-griechischen Wirtschaftsbeziehungen anzukurbeln, und natürlich arbeiten wir jetzt schon darauf hin. Wir bereiten eine ganze Serie von Ereignissen vor, die uns bis zum Höhepunkt im kommenden Herbst führen. Das eine hat gerade stattgefunden: die Europakonferenz der Auslandshandelskammern hier in Athen. Im November veranstaltet die Botschaft, gemeinsam mit der AHK ein Innovationsforum, das bei der griechischen Regierung viel Interesse findet und bei dem sie auch hochrangig vertreten sein wird. Dann gibt es im ersten Quartal des kommenden Jahres eine Konferenz in Berlin, bei der es um grüne Wachstumspotenziale in Griechenland geht. Und schließlich die schon erwähnte Beteiligung an der Internationalen Messe in Thessaloniki.

Auch ich war schon auf der diesjährigen Messe, um zu sehen, wo wir am besten ansetzen können. Aber vor allem waren ein ganzes Team von Fachleuten der Kölner Messegesellschaft sowie des Wirtschaftsministeriums und ein Architekt, der die Messehalle gestaltet, schon dort. Ich bin froh, dass unsere Vorbereitungen auf diese Weise schon recht weit gediehen sind, und ich bin zuversichtlich, dass wir uns für den Auftritt, den Deutschland dort haben wird, nicht schämen müssen. Natürlich werden wir die griechische und deutsche Wirtschaft zusammenbringen, aber außerdem wollen wir den Besuchern auch ein Gefühl dafür geben, wofür Deutschland steht und was an Deutschland attraktiv ist – über die Wirtschaft hinaus.

GZ: Der Zustrom von Flüchtlingen nimmt in den letzten Wochen wieder größere Dimensionen an. Zumindest teilweise fühlt man sich von Europa im Stich gelassen. Was tut Deutschland in diesem Bereich, um Hellas unter die Arme zu greifen?

REICHEL: Ich glaube nicht, dass es Anlass für Griechenland gäbe, sich in dieser Frage allein gelassen zu fühlen. Wir haben die FRONTEX, die NATO hat eine Marineoperation in Gang gesetzt, als die Dinge wirklich dramatisch wurden auf den Inseln; Deutschland ist, auch personell, auf den Inseln sehr stark engagiert in den Behörden, die die griechischen Asylentscheidungen vorbereiten. Im Moment sind es 15 deutsche Mitarbeiter, die auf den Inseln im Rahmen der Europäischen Asylbehörde EASO aktiv sind. Deutschland leistet da von den Mitgliedsstaaten den bedeutendsten personellen Beitrag. Die neue Regierung ist sehr daran interessiert, in diesem Bereich mit Deutschland noch enger zu kooperieren. Wo immer wir gemeinsam mit den Griechen das Gefühl haben, man kann noch mehr tun, sind wir dazu absolut bereit.

GZ: Sie hatten in Ihrer ersten Videobotschaft als Botschafter in Athen die Verbrechen der deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg angesprochen und u. a. gesagt, dass Deutschland „nicht vergessen“ dürfe. Was tut sich in diesem Bereich? Stichwörter: Reparationen, Zwangsanleihe …

REICHEL: Die Bundesregierung hat einen über lange Zeit entwickelten Standpunkt. Der eine Teil davon ist in der Tat die Übernahme der moralischen Verantwortung für die Gräuel der Nazizeit als auch der Nazibesatzung. Dazu stehen wir vollkommen.  

Was Reparationszahlungen heute, nach 75 Jahren, angeht, hat Deutschland bereits seit vielen Jahren eine rechtliche Position, die allgemein bekannt ist.

GZ: Dennoch: Das Thema tritt in letzter Zeit immer häufiger auf die Tagesordnung. Auch Ministerpräsident Mitsotakis hatte es bei seinem jüngsten Berlin-Besuch zur Sprache gebracht, selbst der Deutsche Bundestag beschäftigte sich mit dem Thema …

REICHEL: Sie spielen damit sicherlich auf ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages an. Das ist eine Einrichtung, die völlig unabhängig Abgeordneten Antworten auf bestimmte Fragen gibt. Das hat aber keinerlei verbindliche Bedeutung, weder für den Bundestag noch gar für die Bundesregierung. Natürlich kann es bei juristischen Fragen verschiedene Aspekte geben, die alle nicht abwegig sind. Das ändert aber alles nichts daran, dass die Bundesregierung hier einen klaren Standpunkt hat und immer gehabt hat.

GZ: Der Tag der Deutschen Einheit, der am 3. Oktober gefeiert wird, ist in diesem Jahr dem 30. Jubiläum des Mauerfalls in Berlin gewidmet. Was hat dieses Ereignis für Deutschland bedeutet, was bedeutet es für Europa?

REICHEL: Das war ganz klar ein historisches Ereignis ersten Ranges. Sie entsinnen sich vielleicht, dass es damals Befürchtungen gegeben hatte, das wiedervereinigte Deutschland könnte eine unheilvolle Rolle in Europa spielen. All das hat sich ganz offensichtlich nicht bewahrheitet. Beispielsweise der Regierungsumzug von Bonn nach Berlin. Auch damit verbanden sich Befürchtungen, dass sich der Charakter des Landes dadurch verändern könnte. Der Mauerfall war nach meiner Überzeugung rundherum ein absolut positives Ereignis, das wir noch in Jahrhunderten feiern werden.

GZ: Die letzte Mauer, die in Europa die Menschen voneinander trennt, steht auf der Insel Zypern. Seit 1974 ist die Insel geteilt. Was meinen Sie, wann wird diese Mauer fallen? Und welche Rolle könnte eventuell Deutschland mit seinen Erfahrungen spielen, auch mit seinen Erfahrungen, was den Mauerfall betrifft?

REICHEL: Ich bin mit solchen Parallelen etwas vorsichtig. Ein offensichtlicher Unterschied ist, dass die Situation auf Zypern eine stark ethnische Komponente hat, die es bei der Teilung Deutschlands nicht gegeben hat. Ich kann Ihnen da keine Prognosen anbieten. Im Verlauf von Jahrzehnten hat es Momente gegeben, in denen man glaubte, man sei einer Lösung des Zypernkonflikts schon relativ nah. Aber dann haben sich diese Hoffnungen nicht bewahrheitet. Im Augenblick scheint mir, dass es aktuell nicht so eine gute Ausgangssituation für eine Lösung des Zypernkonflikts gibt. Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen. Ich würde mich freuen. Das wäre fantastisch, wenn das gelingen würde.

GZ: Welche persönliche Beziehung hatten Sie vor Ihrem Amtsantritt als deutscher Botschafter zu Griechenland? Aus welcher Perspektive kannten Sie das Land?

REICHEL: Ich war relativ oft im Urlaub hier. Meine Frau und ich pflegen schon seit Jahrzehnten eine enge Freundschaft mit einer aus Griechenland stammenden US-Bürgerin; sie hat lange Zeit hier gelebt. Dadurch haben wir das Land immer wieder besucht. Aus dieser Perspektive kenne ich Griechenland ganz gut. Hier zu leben, ist natürlich wieder etwas ganz anderes. Da bin ich jetzt erst in den Anfängen, auch was das Erlernen der Sprache betrifft.

GZ: Haben Sie sich inzwischen akklimatisiert?

REICHEL: Das ist ein großes Wort, ich weiß nicht, ob man das schon so definitiv sagen kann. Aber ich bin auf gutem Weg, das ganz bestimmt!

GZ: Athen ist ja keine ruhige Stadt, viele Menschen empfinden diese Metropole als sehr chaotisch ...

REICHEL: Ich bin schon an relativ vielen Orten der Welt auf Posten gewesen. Aus dieser Erfahrung heraus muss ich sagen: Athen ist eine absolut lebenswerte, eine angenehme Stadt. Da sollte man sich nicht beklagen, ganz im Gegenteil! Ich freue mich sehr, dass ich hier sein darf. Ich freue mich vor allem auch, dass ich gerade in diesem Moment, in dem wir aus diesem „Krisenmodus“ herauskommen, hier arbeiten und mithelfen kann, vieles aufzubauen.

Das Interview führten Jan Hübel und Robert Stadler.

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